Dieses Bild zeigt die Geisterstadt Desert Center, California

Die Stille der Wüste: Abenteuer Desert Center

Oder wie eine Urangst auf Roadtrips plötzlich Wirklichkeit wird

Routine ist Fluch und Segen zugleich. Oftmals macht sie fahrlässig. Das haben wir so erlebt im März 2018. Und dieser Umstand führte uns an einen fast unwirklichen Ort namens Desert Center in Kalifornien, den wir sonst wohl nie kennengelernt hätten.

Nach einem spannenden Basketball-Abend bei den Suns machen wir uns am nächsten Tag auf den Weg von Phoenix nach Los Angeles. Knapp 400 stupide Meilen auf der Interstate 10 und ungefähr sechs bis sieben Stunden reine Fahrzeit stehen uns bevor. Für den Abend haben wir Tickets für das Clippers-Spiel gegen die Milwaukee Bucks im Staples Center. Ein leichter zeitlicher Druck ist also durchaus gegeben. Es war spät geworden aber Vorabend. Nach dem Spiel waren wir noch in der Hotelbar. Entsprechend lethargisch kommen wir am nächsten Morgen in den Tag und unsere geplante Abfahrt verzögert sich um gut zwei Stunden.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Um kurz vor zehn Uhr kommen wir schließlich los. Um 19:30 Uhr ist Tip-Off in Downtown Los Angeles. Das sollte trotz allem gut passen. Der Tank ist auch noch halb voll und sollte bis zum Stopp für ein Mittagessen auf halber Strecke reichen. Nachdem wir den trubeligen Verkehr im Valley of the Sun hinter uns gelassen haben geht es flüssig voran. Unsere Tanknadel bewegt sich naturgemäß genau entgegengesetzt. Zuerst reiht sich an den regelmäßigen Abfahrten noch eine Tankstelle an die andere. Wir fahren weiter. „Hast Du schon Hunger?“ – „Nein, laß uns noch ein Stückchen fahren“. Wir fahren. Vorbei an Quartzsite, dem Winterparadies amerikanischer Rentner und der etwas größeren Ortschaft Blythe ein paar Meilen weiter.

Eine langweilige Fahrt auf der Interstate wird immer aufregender

„Okay, an der nächsten Ausfahrt machen wir unseren Stopp, essen etwas und tanken.“ 60 Meilen Restreichweite zeigt unsere Tankanzeige. Wir sind auf einer Interstate, was soll passieren? Und es passiert gar nichts! Keine Abfahrt, keine Tankstelle, Nichts! Relativ ohnmächtig schauen wir immer weiter auf die herunterzählende Reichweite: 30 Meilen, 20 Meilen, 15 Meilen, 10 Meilen. Dann endlich ein Schild: „Desert Center – 5 Meilen“. Die riesige Erleichterung, welche wir sofort spüren wandelt sich in Sekunden in blankes Entsetzen, als wir von der Interstate-Abfahrt auf einen riesigen Schotterparkplatz auffahren:

Dieses Bild zeigt die verlassene Geisterstadt Desert Center, California
Dieses Bild zeigt die verlassene Tankstelle in der Geisterstadt Desert Center, California
Dieses Bild zeigt die verlassene Tankstelle in der Geisterstadt Desert Center, California
Dieses Bild zeigt die verlassene Tankstelle in der Geisterstadt Desert Center, California

Das blanke Entsetzen

Eine Ghosttown! Alle Gebäude: verlassen und kaputt. Die Tankstelle: zerstört. Das einzig halbwegs intakte Gebäude: eine Filiale des US Postal Service – allerdings geschlossen. Es ist heiß hier mitten im Nirgendo. Schweißperlen haben wir aber ohnehin auf der Stirn. In was für eine Lage haben wir uns hier bitte völlig gedankenlos hineinmanövriert? Ein Blick ins Handy verrät: die nächste Tankstelle ist in Chiriaco Summit und 20 Meilen entfernt.

Dieses Bild zeigt das US Postal Office in der Geisterstadt Desert Center, California
Dieses Bild zeigt die Geisterstadt Desert Center, California
Dieses Bild zeigt die Geisterstadt Desert Center, California

Die Tankanzeige hat schon vor ein paar hundert Metern von Restreichweite fünf Meilen auf Null umgestellt. Für zwanzig Meilen auf die Notreserve des Tanks zu hoffen und höchstwahrscheinlich mitten auf der Interstate liegenuzubleiben erscheint uns beiden zu riskant. Nun ist Guter Rat teuer. Alle möglichen Szenarien spielen wir im Kopf durch. Alles überschattet von der großen Sorge, das Spiel heute abend zu verpassen. Trampen bis zur Tankstelle erscheint uns schließlich als einzig sinnvolle Lösung.

Die Rettung

Da sieht Caro einen handgeschriebenen Zettel, aufgeklebt an der Schaufensterscheibe der Poststation: „Gas Service“ und eine Telefonnummer. Wir rufen sofort an. Nach dreimal Klingeln meldet sich ein Mann am anderen Ende der Leitung. Viel sagen müssen wir gar nicht. „Ihr seid in Desert Center? – ich bin in 15 Minuten bei Euch!“ Und tatsächlich: eine Viertelstunde später biegt ein Pick-Up auf den Schotterparkplatz und kommt direkt auf uns zu. Auf der Ladefläche zwei riesengroße Pitbulls und Benzin und Diesel in mehreren Kanistern.

Wir stellen uns kurz gegenseitig vor, vergewissern uns dass die Hunde es gut mit uns meinen und erfahren den Preis: 50 Dollar in bar für 2 Gallonen. Genau ausreichend für die Fahrt bis zur Tankstelle in Chiriaco Summt. Mit drei geübten Handgriffen lässt er die vereinbarte Menge von seinem Kanister über einen Schlauch in unseren Tank laufen. Vier- bis fünfmal täglich komme er im Durchschnitt täglich hierher, um seine Diensleistung anzubieten, erzählt er. Irgendwie beruhigend, dass wir nicht die einzigen Doofen sind.

Dieses Bild zeigt die Geisterstadt Desert Center, California

Anfang Januar 2022 waren wir dann nochmal hier. Ebenfalls auf dem Weg von Phoenix nach Los Angeles. Diesmal mit vollem Tank und um etwas unaufgeregter ein paar Fotos zu machen – und uns an eine Grundregel von USA-Roadtrips zu erinnern: habe am Anfang des Tages immer genug Benzin an Bord. Mittlerweile ist die rettende Telefonnummer übrigens auf die Wände der Tankstellen-Ruine geschrieben:

Dieses Bild zeigt die verlassene Tankstelle in Desert Center, California
Dieses Bild zeigt die Geisterstadt Desert Center, California
Dieses Bild zeigt die Geisterstadt Desert Center, California
Dieses Bild zeigt die Geisterstadt Desert Center, California
Dieses Bild zeigt die Geisterstadt Desert Center, California
Dieses Bild zeigt die Geisterstadt Desert Center, California
Dieses Bild zeigt die Geisterstadt Desert Center, California

Desert Center als Film-Drehort

Logischerweise diente das besondere Setting hier auch als Movie Location: in der 80er-Jahre Serie Airwolf in der Folge „Sweet Britches“ in Season 2. Und im Thriller Unknown aus dem Jahre 2006.

Über den Autor
Malte
Seit 2001 ist Nordamerika meine große Leidenschaft und ich reise jedes Jahr meist zweimal dorthin. Ob beim Wandern durch die atemberaubende Natur, beim Offroaden durch die Wildnis oder beim Erleben packender Sportveranstaltungen – ich entdecke die Vielfalt des Kontinents immer wieder neu. Über die Jahre sind vor allem der Südwesten der USA und Los Angeles wie eine zweite Heimat für mich geworden.

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